Die Kraft der Trauer

10.06.2019

Nachdem ich vor einiger Zeit über Gefühle und Emotionen und die Kraft der Wut geschrieben habe, werde ich mich jetzt mit dem Gefühl der Trauer beschäftigen. Die Trauer ist zwar gesellschaftlich etwas mehr akzeptiert, als die Wut, aber sie wird auch kritisch gesehen und am liebsten verdrängt. Dies geschieht durch Spott, Mitleid oder mit Sprüchen, wie „das wird schon wieder“.

Aussage Richtung der Trauer

Trauer entsteht bei der Aussage „das ist schade“. Emotional wird zwar die Trauer, wie auch die Wut abgelehnt, jedoch nicht so stark. Die Äußerung beinhaltet die Bereitschaft es zukünftig anzunehmen. Es wird akzeptiert, wenn gleich nicht gerne, dass es nicht zu ändern ist.

Verschiedene Stärken der Trauer

Zuviel

Übermäßige Trauer führt zur Melancholie bis hin zu depressiven Reaktionen. Geht der Melancholiker immer tiefer in dieses Gefühl hinein, erweitert sich das Gefühl von „das ist schade“ bis zu „alles, die ganze Welt ist schade.“ Dagegen kann er dann nichts mehr tun und die Passivität erhöht sich und nimmt immer mehr Lebensbereiche ein.

Häufig wird Handlung oder Wut durch das Gefühl der Trauer ersetzt. Vor allem wenn wir als Kinder nicht wütend sein durften, haben wir meistens gelernt stattdessen traurig zu sein. Ein trauriges Kind wurde, wenn es Glück hatte getröstet, ein wütendes ausgeschimpft oder lächerlich gemacht.

Wenn wir einen Dispo-Kredit schade finden, statt aktiv an einer Lösung zu arbeiten befinden wir uns in einer Sackgasse. Gehen wir weiter in dieses Gefühl machen wir uns handlungsunfähig.

Zuwenig

Zur Entwicklung von Mitgefühl, Weisheit, und wirkliche Liebe brauchen wir das Gefühl, dass etwas schade ist. Wir müssen den Verlust empfinden können, sonst werden Menschen oder Dinge austauschbar und beliebig. Dann sind wir nicht zu tiefen Kontakten fähig. Außerdem müssen wir akzeptieren, dass etwas vorbei ist. Ebenso, dass etwas nicht so geht, wie wir uns es vorstellen.

Können wir dies nicht, werden wir uns nicht auf jemanden oder etwas einlassen, da immer die Gefahr droht, dass sich etwas verändert und wir es „schade“ finden müssen. Wir können ohne die Trauer deshalb auch nicht wirkliche Freude empfinden.

Die Vermeidung von Trauer zeigt sich schon in der Vermeidung des Abschieds. Im Abschied ziehen wir ein Resümee über die gemeinsam verbrachte Zeit. Dabei gibt es sicher manches zu bedauern, dass es vorüber ist.

Zum Weiterlesen

Amana Virani, Gefühle Eine Gebrauchsanweisung, 2007, München